Porträt · Auffang- und Pflegestation für verletzte und verwaiste Wildtiere, Tierschutzverein München e. V. · Riem · Trudering-Riem · München

Der Igel sitzt in einer Mörtelwanne, und das ist keine Lieblosigkeit

An der Brukenthalstraße werden Mauersegler, Füchse, Biber und sehr viele Singvögel wieder flugfähig gemacht. Tamara Lengauer und Jacek Koppe erzählen, wie ein Tag in der Wildtierstation abläuft — und was man aushalten muss, um dort zu bleiben.

Tamara Lengauer mit einer Rauchschwalbe.
Tamara Lengauer mit einer Rauchschwalbe. Foto: Tierheim München

Ein verletzter Igel kommt in eine Mörtelwanne. Boden aus Zeitung, ein Plastikhäuschen zum Verstecken, dazu Zeitung in lange Streifen gerissen, damit er sich eingraben kann. Wer das zum ersten Mal sieht, denkt: Das ist doch lieblos.

Es ist das Gegenteil. Auf Zeitung lassen sich Kot und Urin gut beurteilen, und Blut fällt sofort auf. Die glatten Plastikwände verhindern, dass der Igel ausbricht. Die Wanne lässt sich sauber halten und desinfizieren. Was improvisiert aussieht, ist eine Diagnosestation.

So funktioniert fast alles an diesem Ort. Die Wildtierstation des Tierschutzverein München ist die Adresse, an die man in dieser Stadt ein verletztes Wildtier bringt. Viele kennen sie vom Hörensagen. Kaum jemand weiß, was drinnen passiert.

Sechs Uhr früh, und kein Tag ist wie der andere

Tamara Lengauer ist Abteilungsleiterin für die Wildtiere. Sie sagt, es sehe bei ihnen kein Tag aus wie der andere, und genau das mache ihn aufregend: Man kann nie sagen, wie er wird.

Gerade geht die Vogelsaison zu Ende. In dieser Zeit wird in Schichten gearbeitet, damit die Fütterung für all die kleinen Vögel gesichert ist. Eine Kollegin oder ein Kollege fängt um sechs Uhr früh an. Dann kommt die normale Schicht, in der die meisten arbeiten. Und ab zwölf Uhr die Spätschicht, die bis kurz vor Sonnenuntergang bleibt.

Morgens wird kurz sortiert: Wer übernimmt heute welchen Bereich? Die Station ist weitläufig. Es gibt Räume, die nur für eine Sache da sind — Vogelaufzucht, ein eigener Raum für Tauben, einer für Igel, dazu Quarantäne. Und es gibt die „Futterrunde“ draußen bei den Volieren, bei der man, wie Lengauer trocken anmerkt, sein Schrittziel am Ende des Tages auf jeden Fall erreicht hat. Dort werden die Tiere versorgt, die aus der sensiblen Phase heraus sind.

Bei allen wird das Gewicht kontrolliert — täglich oder nur alle paar Tage, je nach Art und Aufenthaltsdauer, um den Stress so gering wie möglich zu halten. Bereiche werden gesäubert, artgerecht gefüttert, neue Tiere aufgenommen. Und wieder andere werden eingefangen, weil sie so weit sind: zurück in die Freiheit.

Vom Nestling bis zum Biber

Es kommt alles, was hilfsbedürftig ist, sagt Lengauer: vom kleinen Singvogel-Nestling bis zu Mardern, Füchsen und Bibern. Verwaist, verletzt oder in allgemein schlechtem Zustand. Für Tierarten, die noch aufwendiger sind — Rehe, Eichhörnchen, Siebenschläfer, Reptilien —, arbeitet die Station mit Pflegestellen und anderen Auffangstationen zusammen.

Was dann passiert, beschreibt Jacek Koppe, Betriebsleiter des Tierheims und bis vor Kurzem selbst Abteilungsleiter bei den Wildtieren.

Bei der Aufnahme wird jedes Tier protokolliert: Zustand und Aufnahmegrund, schriftlich. Nicht aus Bürokratie — nur so lässt sich der Genesungsverlauf später beurteilen. Bei der Menge an Tieren, sagt Koppe, könne sich niemand die Vorgeschichte von jedem einzelnen merken.

Danach wird untergebracht, und jede Art will etwas anderes. Ein Specht darf nicht in einen Käfig: Er muss sich an einer Oberfläche festhalten können und würde sich am Gitter die Federn zerstören — er bekommt eine Holzbox. Schwäne, Gänse und Graureiher brauchen Gehege mit Wasser. Marder und Füchse müssen so sitzen, dass sie weder ausbrechen noch sich selbst verletzen können; die Tiere seien „unheimlich schlau und erfinderisch“, da müsse man sich immer etwas überlegen. Und einen Biber setzt man nicht in ein Gehege aus Holz, weil er sich hinausfressen würde.

Häufig steht davor Quarantäne. In Zeiten von Vogelgrippe wird das ein immer größeres Thema.

Am ersten Tag nach der Aufnahme sieht sich eine der Tierärztinnen jedes Tier an, geht die Aufnahmegründe durch, stellt eine Diagnose und macht gemeinsam mit dem Team einen Medikamenten- und Pflegeplan. Die Pflege übernehmen dann die Tierpflegerinnen und Tierpfleger selbst. Für Medikamente, die nur Tierärztinnen verabreichen dürfen, kommen diese täglich vorbei.

Und wenn die Behandlung nicht anschlägt, oder ein Tier mit Verletzungen eingeliefert wird, die auch die beste Pflege nicht heilt, bleibt nur die Euthanasie. Auch das, sagt Koppe, gehört zum Alltag.

Läuft es nach Plan, bleibt ein Tier auch nach der Intensivbehandlung noch eine Weile da: damit die Medikamente abgebaut sind, bevor es zurück in die Natur geht — die Station will nichts davon in der Umwelt verteilen —, damit die Flugmuskulatur in der Voliere wieder aufgebaut ist, oder damit noch ein paar Gramm draufkommen. Ausgewildert wird über die Volieren der Station, über Privatleute, die in ihrem Garten ein kleines Gehege für einen Igel bauen, oder durch das Zurückbringen ins eigene Revier. Letzteres ist besonders wichtig bei erwachsenen Füchsen, Mardern, Greifvögeln und Eulen.

„Was sind wir für Leute?“

Die Frage stellt Koppe sich selbst, bevor er sie beantwortet.

Es sind Tierpflegerinnen und Tierpfleger, die sich bewusst dafür entschieden haben — und solche, die durch Zufall in die Richtung kamen. Quereinsteiger, die neue Wege gehen wollten und bei den Wildtieren „hängen geblieben sind“. Was sie verbindet, ist die Begeisterung für die Natur und ihre Zusammenhänge, die man bei der Arbeit mit Wildtieren besonders spürt. Dazu die Leidensfähigkeit, die einen die Tage überstehen lässt, an denen man gefühlt mehr Tiere gehen lassen muss, als man rettet. Und die Freude an einem Themengebiet, das kaum jemand auf dem Schirm hat und für das es wenige Fachleute gibt.

> Wir würden von außen betrachtet aber sicherlich auch als etwas verrückt durchgehen, weil wir > uns leidenschaftlich mit Kot, Parasiten, Verletzungen und deren Beseitigung beschäftigen und > die Wildtierpflege nicht nur Beruf, sondern Teil unserer Persönlichkeit geworden ist.

Was antreibt, sei die Liebe zu den Tieren — und das Besondere daran, mit Tieren zu arbeiten, die uns ständig umgeben und an die man normalerweise nicht herankommt. Und, sagt Koppe, ein bisschen auch der Stolz, dass diese Arbeit nicht jeder machen kann.

Das Schönste und das Schwerste

Nach dem einen prägenden Moment gefragt, sagt Koppe: Den gibt es nicht, es gibt immer wieder solche. Zwei Bilder nennt er trotzdem.

Die Auswilderung eines Mauerseglers, dem man hinterherschaut und dabei weiß, dass er jetzt mindestens ein Jahr in der Luft verbringen wird.

Und der Fuchswelpe, der nach Tagen und Nächten der Intensivbetreuung endlich selbstständig frisst.

Es gebe unheimlich viele schönste Momente in diesem Beruf, sagt er — man vergesse das im Alltag nur schnell.

Das Schwerste sind die Tiere, die es nicht schaffen, und die Stärke, die es braucht, eine Euthanasie zu vertreten. Oft rufen die Finder später an und wollen wissen, wie es dem Tier geht. Die schlechte Nachricht zu überbringen sei schon der erste Stich. Häufig folge dann der Vorwurf, man habe nicht alles getan. Oder es sei ihnen ja egal, weil sie so abgeklärt wirkten.

Das ist es nicht, sagt Koppe, und es tut weh, so etwas gesagt zu bekommen — vor allem, wenn man ohnehin am Limit läuft, Überstunden zum Alltag gehören und man im besten Fall noch Jungtiere mit nach Hause nimmt, um sie über Nacht zu versorgen. Wer damit nicht umgehen könne, halte diesen Job nicht lange durch.

> Und wir haben schon viele Kollegen und Kolleginnen unterwegs verloren.

Was man braucht, um zu bleiben

Auf die Frage, was ein Mensch braucht, der diese Arbeit lange durchhält, sagt Koppe zuerst, sie sei schwer zu beantworten. Dann antwortet er sehr genau.

Man brauche einen eigenen inneren Antrieb, der über die stressigen Zeiten hinweghilft. „Eine gesunde Mischung aus Durchhaltevermögen und der Fähigkeit zu priorisieren.“ Das Problem sei häufig gewesen, dass Leute zu viel wollten — sich zu viel Druck gemacht haben, zu jeder Zeit denselben Standard zu halten.

Wie das konkret aussieht, erklärt er an den Enten:

> Beispielsweise kann ich die Gehege der Enten nicht jeden Tag mit dem Hochdruckreiniger sauber > machen, auch wenn es gut wäre, wenn dann nicht genügend Zeit da ist um die noch hilflosen > Nestlinge zu füttern. Dieser Anspruch an sich selbst kann wahnsinnigen Druck erzeugen.

Wer sich dann nicht selbst sagen könne: „Ich mache heute an einer Stelle weniger, damit ich die wichtigste Versorgung schaffe“ — für den werde es schwierig.

Und dann sind da die Morgen, an denen die Krankmeldungen kommen und man genau weiß, dass man unterbesetzt sein wird. Da dürfe man nicht verzweifeln, sagt Koppe. Da müsse man sich denken:

> Naja wird schon, haben wir bisher immer geschafft!

Dann akzeptiere man die Überstunden, versorge seine Tiere und hoffe, dass der nächste Tag besser wird. Er entschuldigt sich fast dafür, dass er es nicht in einen Satz bekommt:

> Es ist einfach eine gewisse Grundeinstellung zu Stress, viel Arbeit, Chaos und Katastrophen > die man lernen muss.

Wenn Sie im Hof ein verletztes Tier finden

Hier wird es praktisch, und hier lohnt es sich, genau hinzuhören.

Erst anrufen. Die Station gibt sich größte Mühe, schon vorab telefonisch zu beraten. Sehr oft brauchen die Tiere gar keine Hilfe und können friedlich weiterleben.

Wenn das Tier wirklich verletzt ist: aufsammeln, in einen dunklen, ausbruchssicheren Karton setzen und entweder zum Tierarzt oder in die Station bringen.

Nicht selbst pflegen. Nicht füttern. Kein Wasser geben. Das ist der Punkt, an dem die meisten in ihrer Hilflosigkeit gut gemeint das Falsche tun — und häufig verschlimmert es die Situation. Koppe erlebt regelmäßig, dass Finder ihm stolz erzählen, der vom Rasenmähroboter verletzte Igel habe beim Finder schon gut Katzenfutter gefressen. Dafür hat er ein Bild gefunden, das man nicht mehr vergisst:

> Das ist so, als würde man bei einem Unfall auf der Autobahn den Verletzten erstmal ein > McDonalds Menü anbieten.

Der Wunsch dahinter ist bescheiden: dass Menschen sich erst bei Fachleuten Rat holen, dann helfen oder das Tier dorthin bringen, wo ihm professionell geholfen wird — und dass man dabei ihrer Erfahrung vertraut.

Und was konkret hilft

Weil die Frage auf so einen Text meistens folgt, hier die Antwort der Station selbst:

- Spenden — „da wir uns zu 100% darüber finanzieren“. - Aufmerksamkeit, oder in Koppes Worten: „rumerzählen dass es uns gibt“. - Bei lokalen Politiker:innen Druck machen und fragen, warum es keine Unterstützung gibt. - Auswilderungsplätze für Igel — also Gärten, in denen ein kleines Gehege stehen darf, damit sich ein Igel wieder an draußen gewöhnen kann.

Infos dazu stehen auf der Homepage, und man kann sich jederzeit per Mail melden: tierschutzverein-muenchen.de/tiervermittlung/tierheim/wildtiere

Die Igelabteilung in der Saison — in jeder Box sitzt mindestens ein Jungigel.
Die Igelabteilung in der Saison — in jeder Box sitzt mindestens ein Jungigel. Foto: Tierheim München
Jacek Koppe behandelt eine Amsel.
Jacek Koppe behandelt eine Amsel. Foto: Tierheim München
Auswilderungsvolieren für Singvögel — hier wird die Flugmuskulatur wieder aufgebaut.
Auswilderungsvolieren für Singvögel — hier wird die Flugmuskulatur wieder aufgebaut. Foto: Tierheim München
Ein Ausschnitt der Vogelaufzucht in der Saison.
Ein Ausschnitt der Vogelaufzucht in der Saison. Foto: Tierheim München

Porträt · Wildtierstation des Tierschutzverein München · veröffentlicht am 1. August 2026

Recherchiert mit Einverständnis von Wildtierstation des Tierschutzverein München durch die Redaktion von Sehr Lokal.